Unterwegs im Alfa Romeo Montreal

Am 24. Juni 1910 um 14.00 Uhr trägt der Notar Pietro Bermond die Società „Anonima Lombarda Fabrica Automobili“ (A.L.F.A.) in das Handelsregister Mailands ein. Nun schreibt Alfa Romeo bereits seit stolzen 110 Jahren Automobilgeschichte und begeistert bis heute, die Faszination von Alfa Romeo ist gerade für die treue und einzigartige Fangemeinde – uns Alfisti – ungebrochen. Mit Modellen wie der Alfa Romeo Giulia und dem SUV Stelvio wissen die Italiener auch heute noch mit ihrer Einzigartigkeit, ihrem sinnlichen Design und reichlich Emotion zu verzaubern. Wie großartig die Fahrzeuge aber auch sind, eine leichte Zeit ist es für Alfa Romeo nicht.

Doch wirklich neu ist diese Situation für den italienischen Autobauer nicht, mussten sie in der Vergangenheit wiederholt sorgenvolle Zeiten durchstehen. Und so glaube ich daran, Alfa Romeo wird weiter bestehen, sie müssen. Alfa Romeo ist eine automobile Legende, die wie keine andere Marke für diese ganz besondere Faszination steht und weltweit auf eine riesige – gar die größte – Fangemeinde verweisen kann.

Mit einem dieser Alfisti habe ich mich nun auf den Weg gemacht und der Leidenschaft Alfa Romeo einfach freien Lauf gelassen. Mein Freund, Leopold Hamberger, ist nicht nur glücklicher Besitzer eines Alfa Romeo Stelvio, er darf sich nun schon seit 18 Jahren stolzer Besitzer eines Alfa Romeo Montreal Baujahr 1975 nennen. Der spektakuläre V8-Sportwagen aus den siebziger Jahren stellt einen ganz besonderen Meilenstein der Marke dar und feiert aktuell sein 50jähriges Jubiläum. Wenn das kein Anlass für einen Ausflug und ein Blick zurück in vergangene Zeiten ist.

Leopold Hamberger mit seinem Alfa Romeo Montreal Bj. 75

1967 erhielt die Geschäftsführung von Alfa Romeo überraschend die Anfrage, passend zur zukunftsorientierten Auslegung der Weltausstellung Expo in Montreal/Kanada, stellvertretend für die gesamte Automobil-Branche ein beeindruckendes Konzeptfahrzeug zur Verfügung zu stellen. Das Thema „Der Mensch und seine Welt“ wurde in unterschiedlichsten Bereichen beleuchtet, unter dem Titel „Man the Producer“ widmete man sich industriell gefertigten Produkten, darunter auch dem Automobil. Orazio Satta Puliga und Giuseppe Busso von Alfa Romeo überlegten nicht lange und holten das Designstudio Bertone zur Unterstützung an Bord.

Das Ergebnis war ein voller Erfolg. Die Reaktionen auf das zunächst namenlose Konzeptfahrzeug waren überwältigend. Inoffiziell erhielten die weiß lackierten Prototypen die Bezeichnung Montreal. Und mit jedem Tag der sechsmonatigen Ausstellung kamen immer mehr Anfragen herein, der Wunsch nach einem serienreifen Modell und das öffentliche Interesse war letztlich so hoch, das die Entwicklungsabteilung den Auftrag, Projekt „Montreal“ in die Tat umsetzte und eine Serienversion entwickelte. Hopplahopp geschah dies allerdings nicht, letztlich vergingen drei Jahre, bis der serienreife Alfa Romeo Montreal im Frühjahr 1970 auf dem Genfer Autosalon seine große Publikumspremiere feierte.

Der Alfa Romeo Montreal stammt aus der Feder des Bertone-Chefdesigners Marcello Gandini und das spektakuläre Karosseriedesign der Studie wurde erfreulicherweise nur in den Details geändert, um den serientauglichen Anforderungen gerecht zu werden und eine Straßenzulassung zu erhalten.

Absoluter Eyecatcher sind auch heute noch die Lamellengitter die beim Einschalten des Lichts nach unten klappen und die Doppel-Scheinwerfer komplett frei geben. Die für eine Mittelmotor-Konstruktion gedachten Luftschlitze in den Flanken wurden von der Studie übernommen, dienen im Serienmodell allerdings der Entlüftung des Cockpits. Und auch die große, gläserne Heckklappe deutet an, welches Antriebskonzept sich Gandini vorgestellt hat: einen Mittelmotor. Das Modell war allerdings von vorneherein auf einen Frontmotor ausgelegt.

Der Alfa Romeo Montreal war und ist ein Exot, auch unter den Alfas. Diese Einzigartigkeit und Individualität wussten die Verantwortlichen mit den entsprechenden Farben gekonnt in Szene zu setzen. Die Palette an Pastell- und Metallic-Farben umfassen zum Beispiel ein Grün, ein Gold oder meinen Favoriten, die Launchfarbe Orange, die auch den Montreal von Leopold Hamberger hervorstechen lässt.

Mit nur 4,22 Metern Länge ist das Fahrzeug durchaus kompakt, weiß aber dennoch mit einem tollen Raumangebot zu überzeugen. Zwar bleibt hinter Fahrer und Beifahrer gerade einmal Platz für zwei Notsitze, doch vorn nimmt man auch als Großgewachsener wunderbar Platz und fühlt sich wohlig aufgehoben, ohne aufkommende Enge.

Während der Montreal als 2+2 Sitzer konzipiert wurde und in Italien auch als Viersitzer eingetragen ist, reichte es in Deutschland nur für eine Zweisitzer-Zulassung, in der Schweiz wären es zumindest drei Sitze. Doch so oder so, darüber nachzudenken dort hinten eine weitere Person unterzubringen, wäre überflüssig. Viel mehr nutzt man diesen Platz als zusätzlichen Stauraum und so sind gerade in Verbindung mit dem großzügigen Kofferraum auch problemlos längere Reisen möglich. Die Alltagstauglichkeit des Alfa Romeo Montreal ist überraschend. Doch dazu gleich mehr.

Neben Design war Sportlichkeit stets ein Schwerpunkt in der Modellstrategie von Alfa Romeo. In den 1970er Jahren war der Anspruch an den Montreal ein rassiger Sportwagen zu sein. Das Fahrwerk hat diesbezüglich den Erwartungen jedoch nicht standhalten können. Die relativ komfortable Fahrwerksauslegung wurde aus Kosten- und Zeitgründen vom Coupé Giulia GT übernommen und konnte nicht wirklich mit der rennsportlichen Herkunft des Motors mithalten.

Heute, 50 Jahre später, erwarte ich nicht, den Montreal wie eine jetzige Alfa Romeo Giulia um die engen Kehren jagen zu können… es ist ein Oldtimer, der mir das Gefühl vermittelt in einem perfekten Gran Turismo Platz genommen zu haben. So war ich regelrecht überrascht von dem gebotenen Federungskomfort und das trotz der teils schlecht ausgebauten und zweifelsohne kurvigen Landstraßen, die uns durch das schöne Fünfseenland führten.

Das Fünfseenland ist die Gegend um Starnberger See, Ammersee, Wörthsee, Pilsensee und dem Weßlinger See in Bayern. Und ob wir nun durch die hügeligen Landschaften oder durch die romantischen Ortschaften entlang der Seen gefahren sind, die Fahrt war stets begleitet von dem wunderschön sonoren Brummen des V8.

Es ist nicht dieses klassische V8 Blubbern eines Amis, der Montreal umschmeichelt die Ohren viel mehr mit einem durchaus weichen, aber stets sonoren und teils sogar heißeren und fauchenden satten Sound, der die Faszination Montreal perfekt musikalisch untermalt. Auf der anderen Seite weiß der Achtzylindermotor eine wunderbare Laufkultur zu bieten. Klangtechnisch erlaubt sich der Alfa Romeo Montreal zu keinem Zeitpunkt einen akustischen Patzer, ob nun im entspannten Modus, unter Volllast oder gar im niedertourigen Bereich.

Gleiches gilt auch für das großartige ZF-Fünfganggetriebe. Ein Sahnestück, dass auch nach all den Jahren mit einer einzigartigen Zuverlässigkeit glänzen kann, hier verlassen sich die Italiener auf deutsche Wertarbeit.

Natürlich ist die Getriebelösung für den Montreal-Neuling zunächst etwas ungewohnt, denn das Fünfgang-Getriebe setzt beim Schaltschema auf den Motorsport. Der erste Gang liegt links hinten und dient lediglich zum Anfahren und erleichtert das Wechseln zwischen den häufig benötigten Gängen Zwei und Drei. Die Schaltwege sind knackig kurz, der Schalthebel wunderbar griffgünstig und lässt sich schnell und präzise schalten.

Im Nu hat man das Spiel heraus und vergisst auch bei der Jagd durch die Serpentinen darüber nachzudenken, wo sich nun welcher Gang befindet. Und ja, wenn der Alfa Romeo Montreal auch der Inbegriff eines Gran Turismo ist, so kann man den engen Kehren nicht immer widerstehen. Zugegeben, hier ist am Lenkrad mit dem schönen Holzkranz Muskelkraft und Ausdauer gefragt und selbstverständlich ein gewisses fahrerisches Können vorausgesetzt, doch es ist nun mal ein Oldtimer.

Zurück im Tal angekommen, sind es aber wieder diese kleinen verträumten Straßen und gerade die etwas langgezogenen Kurven, die dem Alfa Romeo Montreal schmeicheln. Zumindest, bis eine starke Bremsung von Nöten ist, das Coupé gönnt sich bereits bei Tempo 100 unglaubliche 59 Meter und taucht stark mit dem Vorderwagen ein. Hiervon darf man sich wahrlich nicht aus der Ruhe bringen lassen und darum sei jedem Montreal-Fahrer eine vorausschauende Fahrweise ans Herz gelegt.

Neben seinem Design, besticht der Montreal unbestritten durch seinen Motor. „Ohne Herz wären wir nur Maschinen“, ein Alfa Slogan, der bei mir in Form eines Tattoos sogar unter die Haut geht. Doch wie sehr ein Alfa Romeo wirklich von seinem „Herzen“ lebt, zeigt der Alfa Romeo Montreal. Erstmals setzten die Italiener in einem Serienfahrzeug einen Achtzylinder ein, der zudem Rennmotor-Gene in sich trägt.

Um eine straßen- und vor allen Dingen alltagstaugliche Version auf die Straße zu bringen, entschied man sich das V8-Aggregat aus dem Supersportwagen Tipo 33 abzuändern. Der Hubraum wurde auf 2,6 Liter erhöht und die Leistung auf 147 kW gesenkt, sprich 200 PS die bei 6.400 Touren anliegen. Für die damalige Zeit absolut beeindruckende Leistungswerte, die sich auch heute noch in eindrucksvollen Fahrleistungen niederschlagen.

Wer die Stoppuhr zur Hand nimmt, misst 7,6 Sekunden für den Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 und maximal wäre eine Höchstgeschwindigkeit von stolzen 224 km/h möglich. Herausgekitzelt haben wir diese Zahlen bei unserer Tour nicht, steht für uns eine ganz andere Performance im Vordergrund.

Ist es viel mehr die Drehfreude die der V8 an den Tag legt, die spontanen Überholmanöver die immer wieder begeistern, bis über 7000 Umdrehungen lässt sich der Achtzylinder hoch drehen, ein wirklich souveränes Fahrverhalten mit dem der Gran Turismo auf der Kurz- wie auch der Langstrecke begeistern kann.

Die Ölkrise 1973 bremste den Erfolg des Alfa Romeo Montreal schlagartig ein, der hohe Benzinverbrauch von 20 Liter war nun bei diesen Spritpreisen nur noch schwer zu verschmerzen. Doch wie hoch ist der Benzinverbrauch wirklich? Leopold Hamberger hat mit seinem Alfa Romeo Montreal in der Tat auch schon Verbrauchswerte von 20 Liter auf der Uhr gehabt, nachdem sein Fahrzeug jedoch perfekt eingestellt und der Motor optimal abgestimmt wurde, kann er sich mittlerweile über 13 bis 14 Liter auf hundert Kilometer freuen.

Ohnehin hat er viel Grund zur Freude, sein Montreal zählt zu den zuverlässigen Schätzchen und zieht ihm nicht Unsummen an Geld aus der Tasche. Wollen wir mal schnell auf Holz klopfen und hoffen, auch in Zukunft begnügt sich das Coupé mit einem jährlichen Wartungscheck und kleineren Arbeiten.

Sachkundige Wartung wie auch Originalteile sind mittlerweile leider rar geworden, Alfisti Leopold vertraut seinen Montreal stets der Mannschaft von Alfa Montreal Service an und nimmt gerne die 330 Kilometer Fahrt dorthin in Kauf. So geht es stets im Herbst nach der Saison einmal zum Aufbereiten nach Freiburg und danach wird der Montreal über den Winter eingemottet.

35.000 D-Mark waren 1975 für den Alfa Romeo Montreal zu entrichten, inflationsbereinigt entspricht das heute 46.900 Euro. Wer sich aktuell im Netz auf die Suche begibt, findet im überschaubaren Angebot gut erhaltene Fahrzeuge zwischen 60.000 und 85.000 Euro. Und der Wert eines Alfa Romeo Montreal steigt zunehmend, so werden auch bereits sechsstellige Summen veranschlagt.

Bedingt durch den hohen Preis verkam das Sportwagen-Coupé nie zur Massenware und so werden bis 1977 lediglich 3.925 Exemplare gebaut. Von denen heute allerdings noch vergleichsweise viele unterwegs sind. Anders als bei vielen anderen Alfa-Typen aus den 1970er Jahren wurde beim Montreal eine wesentlich bessere Rostvorsorge betrieben, so dass bis heute noch zahlreiche Montreals in einem fahrbereiten oder gar gut gepflegten Zustand sind. Die gute Verarbeitungsqualität kann Leopold Hamberger nur bestätigen und ist von der italienischen Ingenieurskunst immer wieder aufs Neue begeistert.

Wie weit seine Begeisterung für den Alfa Romeo Montreal geht, zeigt auch ein Blick in seine Küche. Dort steht ein restaurierter Motorblock aus dem Montreal: V8-Benziner, 2.593 cm³ Hubraum, 147 kW (200 PS) bei 6.400 U/Min, Block und Zylinderkopf aus Aluminium, zwei obenliegende Nockenwellen pro Bank, zwei Ventile pro Zylinder, Nockenwellen-Antrieb mittels Steuerketten.

Und jedem Alfa Romeo Montreal Fan möchte ich abschließend noch folgende alfamontreal.info Homepage mit auf den Weg geben.

Lieber Poldi, vielen Dank für die schönen Stunden mit Deinem Alfa Romeo Montreal und Deine Alfisti-Unterstützung! Wünsche Dir von Herzen noch viel Freude, tolle Erlebnisse und stets gute Fahrt mit Deinem Montreal.

Stand: Juli 2020; Test und Fotos: CARWALK – Der Autoblog

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