Jaguar Type 01 – Der Anfang vom Ende nimmt Gestalt an


In meinem damaligen Artikel vom Dezember 2024 wählte ich die Überschrift „Jaguar Type 00 – Der Anfang vom Ende?“. Und diese passt heute erschreckend gut als Ausgangspunkt für die Fortsetzung. Bereits bei der Vorstellung der Studie fand ich deutliche Worte. Damals bestand immerhin noch ein kleiner Funken Hoffnung, dass Jaguar mit dem Konzeptfahrzeug lediglich provozieren und beim späteren Serienmodell wieder etwas mehr von seiner ursprünglichen Identität zeigen würde. Doch weit gefehlt. Der neue Jaguar Type 01 führt uns vor Augen, dass die Briten es tatsächlich ernst meinen.

Somit ist es mir nicht möglich eine gewöhnliche Autonews zu machen, sondern hinterlasse viel mehr einen kritischen, emotionalen Kommentar mit allen wichtigen technischen Fakten. Mein Haltung ist klar, meine Enttäuschung groß und mein Humor gelegentlich etwas bissig.

Es gibt Momente in der Automobilwelt, da fehlen einem schlicht die Worte. Jaguar hat mit dem Type 01 sein erstes Serienmodell der viel diskutierten neuen Ära präsentiert. Und spätestens jetzt ist klar: Die britische Traditionsmarke zieht ihren radikalen Kurs tatsächlich durch. Was 2024 mit dem Konzeptfahrzeug Type 00 begann, findet nun seine Fortsetzung. Leider.

Copy Nothing – offenbar auch die eigene Geschichte nicht

„Copy Nothing“ lautet das Motto der neuen Jaguar-Ära. Nichts kopieren. Nicht einmal sich selbst, möchte man beinahe ergänzen.

Denn was Jaguar hier präsentiert, hat in meinen Augen nur noch wenig mit jener Marke gemeinsam, die über Jahrzehnte für automobile Eleganz, Leidenschaft und unverwechselbaren Charakter stand.

Ein Jaguar E-Type war eine Skulptur auf Rädern. Ein XJ verkörperte britisches Understatement. Ein F-Type verstand es, bereits im Stand Emotionen zu wecken. Diese Fahrzeuge hatten Persönlichkeit, ohne verzweifelt danach schreien zu müssen.

Und jetzt? Jetzt steht da der Jaguar Type 01.

Ein viertüriger, rein elektrischer Grand Tourer mit extrem langer Motorhaube, flacher Dachlinie, monumentalen Proportionen und einer Formensprache, die vor allem eines möchte: auffallen. Um jeden Preis.

Jaguar selbst spricht von „opulentem Modernismus“ und einer dramatischen Präsenz. Wir sehen vor allem ein Fahrzeug, dessen Design bewusst provoziert, dessen einstige Eleganz jedoch auf der Strecke geblieben ist.

Natürlich darf sich eine Automarke neu erfinden. Sie muss es sogar, um langfristig bestehen zu können. Doch weshalb muss eine Neuausrichtung zwangsläufig bedeuten, nahezu alles über Bord zu werfen, was eine Marke einst so begehrenswert gemacht hat?

Technisch beeindruckend – und dennoch fehlt etwas

Dabei wäre es unfair, den Jaguar Type 01 ausschließlich auf seine gewöhnungsbedürftige Erscheinung zu reduzieren. Denn technisch haben die Ingenieure durchaus Beeindruckendes auf die Räder gestellt.

Die eigens entwickelte Jaguar Electric Architecture bildet die Grundlage des neuen elektrischen GT. Mehr als 360 Patentanmeldungen unterstreichen den Entwicklungsaufwand.

Drei Elektromotoren mit Intelligent Torque Vectoring liefern bis zu 757 kW beziehungsweise 1.030 PS und ein maximales Drehmoment von 1.365 Newtonmetern.

Damit beschleunigt der stärkste Straßen-Jaguar aller Zeiten in gerade einmal 3,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Für den Zwischenspurt von 100 auf 180 km/h benötigt er lediglich vier Sekunden.

Eine Gewichtsverteilung von 50:50 soll für ausgewogene Fahreigenschaften sorgen. Bei der Abstimmung floss außerdem die Erfahrung des Jaguar TCS Racing Teams aus der Formel E ein.

Das sind zweifellos beeindruckende Zahlen. Und vielleicht fährt sich der Type 01 sogar fantastisch. Das werden erst entsprechende Fahrtests zeigen.

Aber ein Jaguar war für mich noch nie einfach nur die Summe seiner Leistungsdaten. Es ging immer um das Gefühl, um diese besondere Verbindung zwischen Mensch und Maschine. Um Eleganz, die nicht erklärt werden musste. Und um Emotionen, die weit über Beschleunigungswerte hinausgingen.

Genau das vermisse ich bei diesem radikalen Neuanfang.

Bis zu 720 Kilometer elektrische Reichweite

Zumindest bei der Elektrotechnik gibt sich Jaguar keine Blöße. Die 118 kWh große Batterie soll in Verbindung mit der 850-Volt-Architektur eine WLTP-Reichweite von bis zu 720 Kilometern ermöglichen. Die endgültige Bestätigung dieser Werte steht noch aus.

An einer geeigneten DC-Schnellladestation sind Ladeleistungen von bis zu 350 kW möglich. Unter optimalen Bedingungen soll sich damit in nur 13 Minuten Energie für weitere 321 Kilometer nachladen lassen.

Auch aerodynamisch hat Jaguar großen Aufwand betrieben. Mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,23 ist der Type 01 nach Herstellerangaben der bislang aerodynamischste Jaguar.

Das alles verdient durchaus Anerkennung. Nur wird ein Fahrzeug nicht automatisch begehrenswert, weil es technisch auf höchstem Niveau spielt.

Luxus neu interpretiert – aber ist das noch Jaguar?

Auch im Innenraum bricht Jaguar konsequent mit bisherigen Konventionen.

Eine sogenannte Central Spine durchzieht die Passagierkabine und trennt die vier Sitzbereiche voneinander. Messingfarbene Elemente sollen den exklusiven Charakter unterstreichen.

Vor dem Fahrer befindet sich ein 24 Zoll großer OLED-Touchscreen aus geschwungenem Glas. Ein zusätzlicher 7-Zoll-Bildschirm zwischen den Vordersitzen übernimmt die Bedienung wichtiger Funktionen.

Hinzu kommt ein aufwendiges Soundsystem mit einer über die gesamte Fahrzeugbreite verlaufenden Panoramic Soundbar und speziellen Audiofunktionen in den Sitzen.

Jaguar spricht von einer völlig neuen Interpretation des Luxus. Und sicherlich wird diese Inszenierung ihre Liebhaber finden.

Doch auch hier stellt sich für mich die Frage, ob technologische Extravaganz und demonstrativer Luxus tatsächlich das ersetzen können, was Jaguar früher so besonders machte.

165.000 Euro für eine völlig neue Identität

Ab Anfang 2027 soll der neue Jaguar Type 01 bestellbar sein. Der Einstiegspreis liegt bei 165.000 Euro. Die Markteinführung ist für 2027 vorgesehen.

Damit verabschiedet sich Jaguar endgültig von seiner bisherigen Positionierung und möchte sich als exklusive elektrische Luxusmarke etablieren.

Ob diese Rechnung aufgeht, bleibt abzuwarten. Denn Jaguar muss nicht nur eine neue Kundschaft gewinnen, sondern nimmt dabei bewusst in Kauf, langjährige Liebhaber der Marke vor den Kopf zu stoßen.

Vielleicht findet der Type 01 tatsächlich Käufer, die genau diese kompromisslose Andersartigkeit suchen. Vielleicht wird er sogar zum Symbol einer erfolgreichen Neuerfindung.

Ich kann mich dieser Begeisterung allerdings nicht anschließen.

Eine neue Ära. Aber zu welchem Preis?

Schon 2024 habe ich mich gefragt, wohin Jaguar mit dieser Neuausrichtung eigentlich möchte. Heute kennen wir zumindest die Antwort auf die Frage, wie ernst es der britische Hersteller mit seinem radikalen Bruch meint.

Sehr ernst.

Der Jaguar Type 01 ist zweifellos ein außergewöhnliches Automobil. Technisch ambitioniert, leistungsstark und mit einer Formensprache, deren Imposanz ich ihm nicht abspreche.

Doch außergewöhnlich bedeutet nicht automatisch schön. Und anders zu sein ist für sich genommen noch keine Qualität.

Vielleicht liegt genau darin das größte Problem dieser neuen Jaguar-Ära: Man möchte um jeden Preis etwas völlig Neues schaffen und scheint dabei vergessen zu haben, weshalb die Menschen Jaguar über Jahrzehnte überhaupt geliebt haben.

Ich hätte mir eine Zukunft gewünscht, in der die britische Traditionsmarke ihre Geschichte nicht hinter sich lässt, sondern mit Stolz in die elektrische Moderne trägt.

Stattdessen bekommen wir den Type 01.

Stand: Oktober 2026; Fotos: Jaguar

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