VW ID. Tiguan: Wenn Volkswagen wieder auf seine Kunden hört

Manchmal braucht es gar keine Revolution, um Begeisterung auszulösen. Manchmal reicht es schon, sich auf das zu besinnen, was man eigentlich längst konnte. Volkswagen scheint genau das verstanden zu haben. Mit dem neuen ID. Tiguan feiern die Wolfsburger nicht nur die Weltpremiere eines wichtigen Elektro-SUV, sondern präsentieren ein Fahrzeug, das in vielerlei Hinsicht wie eine erfreuliche Kurskorrektur wirkt.

Und ich muss sagen: Was Volkswagen hier zeigt, gefällt mir ausgesprochen gut. Nicht etwa, weil alles spektakulär neu wäre. Sondern weil man offenbar endlich wieder verstanden hat, dass ein modernes Automobil nicht zwangsläufig komplizierter werden muss, nur um besonders fortschrittlich zu wirken.

Der neue VW ID. Tiguan tritt Anfang 2027 die Nachfolge des ID.4 und ID.5 an, von denen zusammen mehr als 950.000 Exemplare gebaut wurden. Zugleich rückt Volkswagen seine elektrische Modellfamilie näher an die bekannten Namen seiner Verbrenner heran. Der ID. Tiguan wird künftig parallel zum klassischen Tiguan mit Benzin-, Diesel- und Hybridantrieben angeboten.

Ein Schritt, den ich persönlich nur begrüßen kann. Schließlich hat sich der Name Tiguan über viele Jahre einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Warum also nicht auch elektrisch auf diese Bekanntheit setzen?

Ein Design, das wieder Charakter zeigt

Auch optisch geht Volkswagen neue Wege. Oder sollte ich besser sagen: erfreulich vertraute?

Die bislang eher weichen, rundlichen Formen der elektrischen Vorgänger weichen einem deutlich markanteren SUV-Auftritt. Klare Linien, straffe Flächen und eine selbstbewusste Präsenz sollen den ID. Tiguan optisch in die nächsthöhere Fahrzeugklasse rücken.

Volkswagen nennt seine neue Designsprache „Pure Positive“. Und tatsächlich macht der ID. Tiguan mit seinem kraftvollen Erscheinungsbild auf mich einen wesentlich erwachseneren Eindruck als seine Vorgänger.

Besonders sympathisch finde ich dabei ein kleines Detail, das eigentlich keines besonderen Lobes bedürfen sollte: die Rückkehr zu klassischen Türgriffen. Ja, richtig gelesen. Ganz normale Bügel-Türgriffe. Keine versenkten Experimente, keine unnötigen Spielereien.

Es sind manchmal eben genau diese vermeintlichen Kleinigkeiten, die zeigen, ob ein Hersteller seine Fahrzeuge für den Alltag seiner Kunden entwickelt oder ausschließlich für den großen Auftritt.

Endlich wieder Tasten! Volkswagen hat verstanden

Noch erfreulicher wird es im Innenraum. Denn hier verabschiedet sich Volkswagen von einigen Bedienlösungen, die in den vergangenen Jahren durchaus für Kopfschütteln gesorgt haben.

Allen voran die berührungsempfindlichen Flächen am Lenkrad. Stattdessen gibt es wieder klassische physische Tasten. Auch die wichtigsten Funktionen der Klimaanlage lassen sich künftig über eine Tastenleiste in der Mittelkonsole bedienen. Für die Lautstärke sowie den Wechsel zwischen Radiosendern oder Musiktiteln steht ein gut erreichbarer Drehregler bereit.

Was für eine Wohltat!

Ich habe nie verstanden, weshalb man bewährte Bedienkonzepte unbedingt abschaffen musste, nur um anschließend festzustellen, dass sie eben doch ihre Berechtigung hatten. Gerade während der Fahrt möchte ich nicht erst durch irgendwelche Menüs navigieren oder empfindliche Touchflächen treffen müssen.

Dass Volkswagen hier wieder auf eine intuitive Bedienung setzt, ist für mich deshalb eine der erfreulichsten Nachrichten dieser Weltpremiere.

Dabei verzichtet man keineswegs auf moderne Technik. Im Gegenteil.

Hinter dem Lenkrad sitzt ein neues 10 Zoll großes Digital Cockpit, ergänzt durch einen zentralen 15-Zoll-Touchscreen. Erstmals in einem europäischen Volkswagen ist zudem optional ein 12-Zoll-Beifahrerdisplay erhältlich.

Darüber lassen sich Informationen, Entertainment und sogar Spiele abrufen. Damit der Fahrer nicht abgelenkt wird, ist der Bildschirm aus seiner Perspektive nicht einsehbar. Über gekoppelte Bluetooth-Kopfhörer kann der Beifahrer seine Unterhaltung außerdem ganz für sich genießen.

Auch die Materialqualität soll deutlich zugelegt haben. Volkswagen verspricht eine hochwertige Verarbeitung, stimmige Farben und ein Ambiente, das durchaus an die nächsthöhere Klasse erinnern soll. Ob dieser Anspruch auch bei der ersten persönlichen Begegnung Bestand hat, wird sich zeigen.

Ein Hauch Nostalgie: Golf IV lässt grüßen

Eine besonders charmante Idee hat sich Volkswagen für die digitalen Anzeigen einfallen lassen. Denn im ID. Tiguan dürfen die Instrumente auf Wunsch eine kleine Zeitreise unternehmen.

Per Tastendruck verwandelt sich das digitale Cockpit in die charakteristische blaurote Instrumentenlandschaft des Golf IV.

Links erscheint ein klassischer Tachometer, rechts ein stilisierter Drehzahlmesser. Wobei Letzterer bei einem Elektroauto natürlich keine tatsächlichen Motordrehzahlen anzeigt, sondern den Energiefluss des Antriebs visualisiert.

Und damit nicht genug: Im Infotainmentsystem lassen sich sechs historische Volkswagen-Modelle in einer virtuellen Garage auswählen. Darunter Golf I, Golf II Country, Golf IV, der erste Tiguan, Race Touareg und natürlich der legendäre Käfer.

Ich mag solche Details. Sie zeigen, dass sich moderne Technik und automobile Geschichte keineswegs ausschließen müssen. Ganz im Gegenteil. Gerade in einer zunehmend digitalisierten Autowelt darf man seine Vergangenheit ruhig ein bisschen feiern.

Bis zu 299 PS und 600 Kilometer Reichweite

Natürlich muss der ID. Tiguan nicht nur optisch und beim Bedienkonzept überzeugen. Auch technisch hat Volkswagen einiges zu bieten.

Drei Antriebsvarianten sind vorgesehen, von der 190 PS (140 kW) Variante mit Heckantrieb und 58 kWh Batterie über das Heckantrieb-Modell mit 286 PS (210 kW) und 77 kWh Akku. Topmodell stellt die 4MOTION-Allrad-Version mit 299 PS (220 kW) und ebenfalls großer Batterie.

Die maximale WLTP-Reichweite beträgt bis zu 600 Kilometer, abhängig von Antrieb und Ausstattung. Verantwortlich dafür ist unter anderem die weiterentwickelte Elektroplattform MEB+.

Bemerkenswert finde ich auch die Anhängelast. Bereits mit der kleineren Batterie darf der ID. Tiguan bis zu 1.800 Kilogramm ziehen. Mit dem 77-kWh-Akku sind es sogar maximal zwei Tonnen.

Damit wird der elektrische Tiguan auch für Kunden interessant, die regelmäßig einen Anhänger oder Wohnwagen nutzen möchten.

Beim Platzangebot zeigt sich das SUV ebenfalls alltagstauglich. Fünf Personen finden im Innenraum Platz, der Kofferraum fasst bis zu 534 Liter. Hinzu kommt ein zusätzlicher Stauraum unter der Fronthaube, der sogenannte Frunk, mit 32 Litern Fassungsvermögen.

Moderne Technik, die den Alltag erleichtern soll

Auch bei den Assistenzsystemen legt Volkswagen nach. Serienmäßig an Bord ist das sogenannte One-Pedal-Driving. Dabei verzögert das Fahrzeug durch Rekuperation bis zum vollständigen Stillstand, sodass sich viele Fahrsituationen allein über das Fahrpedal bewältigen lassen.

Optional steht die neueste Generation des Connected Travel Assist zur Verfügung. Das System unterstützt unter anderem beim Spurwechsel auf der Autobahn und kann den ID. Tiguan innerhalb seiner Systemgrenzen automatisch an einer roten Ampel zum Stehen bringen. Die Verantwortung bleibt selbstverständlich beim Fahrer.

Für zusätzlichen Komfort sorgen auf Wunsch elektrisch einstellbare Vordersitze mit Massage-, Memory- und Belüftungsfunktion. Ein Soundsystem von Harman Kardon mit 480 Watt Musikleistung sowie ein Panoramadach stehen ebenfalls auf der Ausstattungsliste.

Praktisch ist außerdem der digitale Fahrzeugschlüssel, der sich über die Volkswagen App mit anderen Personen teilen lässt. Das Smartphone übernimmt damit die Funktionen des klassischen Autoschlüssels.

Und wer unterwegs elektrische Geräte betreiben möchte, kann den optionalen PowerSocket nutzen. Über einen Adapter am Ladeanschluss stellt der ID. Tiguan Strom für externe Verbraucher bereit. Vom Elektrogrill bis zum E-Bike ergeben sich dadurch zusätzliche Möglichkeiten.

Marktstart Anfang 2027 – Vorverkauf bereits im Oktober

Angeboten wird der VW ID. Tiguan in den vier Ausstattungslinien Trend, Life, Style und R-Line.

Obwohl die Markteinführung erst für Anfang 2027 geplant ist, startet der Vorverkauf in Deutschland bereits am 13. Oktober 2026.

Die Preise beginnen bei 42.695 Euro.

Damit bleibt der ID. Tiguan natürlich eine stattliche Investition. Schließlich reden wir hier nicht über einen kleinen Stadtflitzer, sondern über ein vollwertiges Elektro-SUV der Mittelklasse.

Wie attraktiv das Preis-Leistungs-Verhältnis tatsächlich ausfällt, hängt allerdings nicht zuletzt davon ab, welche Ausstattungsdetails Volkswagen bereits in der Basisversion mitliefert und für welche Annehmlichkeiten zusätzlich bezahlt werden muss.

Der neue VW ID. Tiguan zeigt für mich vor allem eines: Volkswagen scheint wieder verstärkt auf die Wünsche seiner Kunden zu hören. Ein selbstbewusstes, zeitloses Design statt unnötiger Extravaganz. Klassische Türgriffe statt technischer Spielereien. Physische Tasten statt einer Bedienphilosophie, bei der man sich gelegentlich fragt, ob die Entwickler jemals selbst damit gefahren sind.

Dazu eine ordentliche Portion Leistung, alltagstaugliche Reichweiten, eine beachtliche Anhängelast und ein Innenraum, der moderne Technik mit erfreulich vertrauten Lösungen verbindet.

Natürlich bleibt abzuwarten, wie sich der neue ID. Tiguan tatsächlich fährt, wie hochwertig sich der Innenraum in der Realität anfühlt und welche Reichweiten am Ende im Alltag möglich sind.

Aber der erste Eindruck stimmt. Und das ist bekanntlich schon die halbe Miete.

Volkswagen muss mit dem ID. Tiguan das Rad nicht neu erfinden. Es reicht vollkommen, wenn man sich wieder darauf konzentriert, gute Autos zu bauen. Und genau danach sieht es hier aus.

Stand: Oktober 2026; Fotos: VW

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